Die Seele heilen

Dr. phil. Baldur R. Ebertin, Diplom-Psychologe, Heilpraktiker

Die Seele heilen – aber womit?Alternative Möglichkeiten der Psychotherapie

A. Erste Überlegungen

Heutigen Psychotherapie-Konzepten ist vor allem ein Gedanke gemeinsam: Das gegenwärtige Beschwerde- und Krankheitsbild eines Patienten müsse eine Geschichte haben, irgendwann entstanden sein, sich über einige Zeit entwickelt haben, bis ein körperliches und/oder seelisches Krankheitsbild sich herausgebildet habe, das wir in seinen einzelnen Facetten als Symptomatik bezeichnen. Irgendwann „zwischen gestern und Geburt“ müssten sich die Hintergründe für die zunehmende Ausprägung der Symptomatik befinden. Wenn diese erkannt, besprochen, aufgearbeitet sei, müsste Beschwerdefreiheit oder zumindest eine Milderung der Beschwerden möglich und wahrscheinlich sein.

Herangezogen als solche Hintergründe werden oft das Elternhaus, die Eltern-Kind-Beziehung, die Zeitverhältnisse, bestimmte gravierende Erfahrungen und Erlebnisse in Kindheit, Jugend und späterem Leben und vieles andere mehr. Die schulische, berufliche, partnerschaftliche oder sonstwie geartete Situation und die damit verbundene Symptomatik sollte also aus der persönlichen Vergangenheit heraus verständlich und ableitbar sein.

Die psychotherapeutische Erfahrung zeigt uns, dass in vielen Fällen diese Vorstellungen von der Entstehungsgeschichte körperlichen und seelischen Leidens zutreffend sind. Aber es gibt auch eine Reihe von Fällen, in denen der Behandler in der Lebens- und Krankengeschichte eines Patienten vorwärts und rückwärts laufen kann, sich aber keine oder nur minimale Auslöser für die entstandene Symptomatik finden lassen.

B. Die psycho-somatischen Erkrankungen

Eine Besonderheit stellen die psychosomatischen Störungen ohne irgendeinen klinischen Befund dar. Der Patient leidet an Einschränkungen seiner Bewegungsfähigkeit, an organischen Störungen, an Schmerzen, an Krankheitssymptomen, ohne dass dafür eine vernünftige Erklärung gefunden werden könnte. Solche Patienten gelten als „klinisch gesund“, und trotzdem haben sie Beschwerden.

Sollen wir in solchen Fällen annehmen, dass der Patient uns etwas vormacht, simuliert, täuscht, vielleicht eine vorzeitige Rente erschleichen will? Kann sein, aber auch nicht! Vielleicht haben wir noch nicht das für den einen und anderen Fall besser passende Instrumentarium der Diagnostik. Oder gibt es überhaupt keine wissenschaftliche Erklärung?

Haben wir als Therapeuten dann nicht genügend geforscht oder lässt sich da und dort einfach nichts finden, was im Laufe der Zeit krankheits-auslösend war?

C. Einige Beispiele aus der Psychotherapie

Greifen wir noch einige Beispiele aus dem Bereich der Psychotherapie heraus: Angstneurosen und Zwangsneurosen,  Claustrophobie und Agoraphobie. Warum gibt es beispielsweise Menschen, die panische Ängste vor Schlangen haben, ohne in ihrem gegenwärtigen Leben mit diesen Tieren in Berührung gekommen zu sein? Warum vermeiden es manche Menschen, ohne erkennbaren Grund in einen Aufzug oder in sine Seilbahn zu steigen oder durch einen Tunnel zu fahren? Warum beschreiben Patienten ihre Beschwerden mit einer ganz bestimmten Wortwahl, z. B.:

„Meine Kopfschmerzen sind manchmal so schlimm, ich könnte gerade ans Fenster rennen und mich hinausstürzen!“

„Manchmal fährt es mir wie ein Stich ins Herz, mir ist dann so, wie wenn es mir das Herz auseinanderreißen würde!“

„Wenn ich mich schnell bewege, fährt es mir in den Rücken wie mit einem Messer hinein, bekomme ich regelrecht einen Krampf!“

„Ich vermeide sexuelle Situationen, ich fühle mich da um meine Potenz gebracht, wie wenn man mir Gewalt antun, mir etwas abschneiden, mich lächerlich machen würde!“

„Manchmal ist mir der Hals wie zugeschnürt, bekomme ich einfach keine Luft mehr, ich fühle dann, wie mein Hals rot wird!“

„Ich brauche immer ein offenes Fenster, sonst glaube ich zu ersticken!“

„Zeitweise wache ich mitten in der Nacht schweißgebadet auf, ohne dass ich mich an einen Traum erinnern könnte. Ich muß dann schnell das Licht anschalten, ich muß in der Wohnung nachsehen, ob irgend jemand da sein könnte!“

„Ich kann nur in einem Zimmer bleiben, wenn die Türen offen sind. Und wenn ich in ein Kino gehe, muß ich zumindest ganz außen am Gang sitzen, damit ich notfalls sofort ins Freie rennen kann!“

„Wenn ich mich auf einem großen Platz befinde, reagiere ich mit Panik und will möglichst schnell wieder von dort verschwinden!“

Solche und ähnliche Beschreibungen ließen sich fortsetzen. Sind das nun nur phantasievolle Worte, um sich dem Behandler verständlich zu machen oder kann da mehr dahinterstecken? Warten wir mit der Beantwortung dieser Frage noch etwas ab!

D. Rebirthing – eine aufschlußreiche Perspektive

Anfang der siebziger Jahre entwickelte Leonard Orr in den USA die Methode des Rebirthing, die inzwischen auch in die Psychotherapie Eingang fand. Mit bestimmten Atemtechniken soll es möglich sein, in eine Art Tiefenentspannung zu geraten und unter Führung eines Therapeuten allein oder in der Gruppe seine eigene Geburt nachzuerleben. Der Begründer dieser Methode und zahlreiche seiner Schüler und Patienten sind der Ansicht, dass manche seelischen und auch körperlichen Erkrankungen mit dem Trauma der Geburt und auch der Zeit davor und danach zusammenhängen würden, z. B. Lebensangst, Todesangst, Atembeschwerden, Asthma bronchiale, Stottern u. a. bis hin zu gravierenden Beeinträchtigungen in der gesamten Lebensqualität.

Und mit dem Rebirthing soll es möglich sein, sich von solchen Symptomen zu lösen und mehr als vorher zu seinem Körper ein besseres Verhältnis herzustellen. Die Erfahrung der Therapeuten, die mit ihren Patienten die Methode des Rebirthing anwenden, scheint ihnen Recht zu geben, zumindest in einem Teil der von ihnen behandelten Patienten.

Jim Morningstar, Ph.D., der mit Rebirthing arbeitet, schrieb in einem Artikel  (1) mit dem Titel “Discovering your own Rebirthing” (Seine eigene Geburt erleben):

„I have had the gift of being present at the rebirthings of courageous and dedicated men and women nearly  every week of my life for the past sixteen years. This bas been a privilege and an inspiration to me. Every rebirthing has been unique. Each individual has used the opportunity to experience the truth about themselves in a new way.

This was not because of what I did for them. It is because of what they were willing to do for themselves. I merely presented an opportunity to use their own breath in a powerful way and helped create a medium of safety and acceptance for them in which to do it. Their new birth came with their willingness to challenge the boundaries of their own fears, go beyond their mental limits, own their true feelings, and embrace guidance of the spirit within themselves.

Every person’s way of doing this has been different and each one has taught me more about myself. Each one’s way of being had been a reflection of the ultimate potential that we all hold inside us.”

(Übersetzung: Ich hatte das Geschenk, fast jede Woche während der vergangenen sechzehn Jahre meines Lebens bei den Geburtserlebnissen mutiger und herausragender Männer und Frauen anwesend gewesen zu sein. Dies waren für mich besonders beeindruckende Erlebnisse. Jedes dieser Geburtserlebnisse war etwas Einzigartiges. Jedes Person benützte die Gelegenheit, die Wahrheit über sch selbst auf eine neue Weise zu erfahren.

Das hatte nichts damit zu tun, dass ich etwas für diese Menschen getan hätte. Sie erlebten etwas, weil sie bereit waren, etwas für sich selbst zu tun. Ich selbst gab ihnen nur die Möglichkeit, ihren eigenen Atem auf kraftvolle Weise zu gebrauchen, und ich verhalf ihnen nur dazu, sich ihrer selbst sicher zu werden und sich in ihrer Art anzunehmen.

Ihre neue Geburt entstand mit ihrer Bereitschaft, die Grenzen ihrer eigenen Ängste zu überwinden, sich über ihre geistigen Grenzen hinauszutrauen, ihre wahren Gefühle kennenzulernen und der Führung durch ihren eigenen Geist zu vertrauen.

Das Vorgehen von jeder Person war unterschiedlich, und jede einzelne lehrte mich mehr über mich selbst. Das Erlebnis von jedem spiegelte letzten Endes die Energie, die wir alle in uns tragen.“ Übersetzung: B. R. Ebertin)

E. Und die Zeit vor der Geburt?

Wenn wir den Berichten einiger Autoren folgen wollen, kann die Zeit zwischen Zeugung und Geburt für den Embryo und späteren Fötus bereits prägend sein. So faszinieren Berichte von Autoren wie W. Gross in seinem Buch „Was erlebt ein Kind im Mutterleib?“ (2) und Verny und Kelly in ihrem Buch „Das unbekannte Seelenleben des Ungeborenen“ (3), wonach  die von der Mutter während der Schwangerschaft gehörten Arten der Musik auf die Bewegungen und die Stimmung des werdenden Kindes einwirken, dass sogar bestimmte Melodien, die in dieser Zeit von der Mutter gehört wurden, vom entstandenen Kind, später wiedererkannt werden können. Auch das Erleben und die Gefühle und Stimmungen der Mutter wie auch deren Mitwelt sollen sich dem Baby während der Schwangerschaft mitteilen und es hochgradig in seinem späteren Lebensgefühl beeinflussen.

Noch ein Stück weiter gehen die Ausführungen von Coudris in seinem Buch „Die erstaunlichen Botschaften eines Ungeborenen“ (4), worin er von regelrechten Dialogen zwischen der werdenden Mutter und dem in ihr entstehenden Kind berichtet.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand die Idee der „vorgeburtlichen Erziehung“. Ihr lag der Gedanke zugrunde, dass die liebevolle Einstellung der zukünftigen Eltern auf ihr Kind positive Auswirkungen auf die spätere Entwicklung des Kindes haben würde.

F. Die Zeiten davor ... davor ... davor ...

Im Sommersemester 1968 trafen sich, wie H. Wiesendanger in seinem Buch „Zurück in frühere Leben“ (5) berichtet, zwanzig Personen in einem regelmäßig stattfindenden Gesprächskreis, in dem der damals junge Psychologiestudent Thorwald Dethlefsen   Hypnose-Experimente beisteuerte. Es ergab sich, dass einer der Teilnehmer, ein Student, sich als Schüler, Kleinkind und gerade geborenes Baby erlebte und danach in die Zeit um die Zeugung und dann in ein früheres Leben als junger Soldat im Krieg 1870/71 zurückgeführt wurde. Damals entstanden die Anfänge der Reinkarnations-Therapie in Deutschland. Dethlefsen ist nicht der Erfinder des Reinkarnations-Gedankens, und auch schon vor ihm gab es protokollierte Berichte über Menschen, die in frühere Inkarnationen zurückgeführt wurden und ihre Existenz in früheren Zeiten nacherlebten. Aber Dethlefsen darf heute als der Begründer der Reinkarnations-Therapie in Deutschland angesehen werden, und seine Bücher „Das Leben nach dem Leben“ (6) und „Das Erlebnis der Wiedergeburt“ (7) dürfen als Klassiker angesehen werden.

Aber warum wehrt sich die akademische Psychologie in Deutschland dagegen, sich mit Methoden zu beschäftigen, die im Augenblick noch zu den alternativen Therapien gehören?

Längst gibt es in den USA ein als wissenschaftlich anzusehendes Schrifttum von Psychiatern und Klinischen Psychologen über Rückerinnerungen wie z. B. von Professor Stevenson (8) und die Reinkarnationstherapie oder Regressions-Therapie, zum Beispiel von Netherton und Shiffrin „Bericht vom Leben vor dem Leben“ (9) oder R. A. Moody, „Life after Life“ (10) oder E. Fiore „The unquiet Dead“ (11).

G. Können Rückerinnerungen an frühere Leben in psychologische Tests einfließen?

Im Dezember 1978 bat ein Student, den wir René nennen wollen, um einen Termin für eine psychologische Untersuchung und Beratung (12). Der junge Mann, intelligent, pflichtbewusst, fleißig war trotz guter Vorbereitung zweimal bei Zwischenprüfungen durchgefallen, er hatte einen sog. „Schwanz gebaut“ und musste Teile der Prüfungen wiederholen. Nun stand die Diplom-Prüfung bevor, die er auf jeden Fall bestehen wollte, um sein Ingenieur-Studium erfolgreich abschließen zu können.

Ein Symptom, das ihn am meisten plagte, war, dass er häufig morgens gegen 4 Uhr mit unerträglich gewordenen Angstgefühlen schweißgebadet aufwachte. Nach solchen Nächten war für ihn „der Tag gelaufen“, er konnte sich nicht mehr richtig konzentrieren.

In der nun folgenden psychotherapeutischen Arbeit konnten eine Reihe der ihn belastenden Probleme erkannt und verarbeitet werden. Dazu gehörte eine ständig gängelnde Mutter mit Zwangssymptomen. Wenn René sich dem mütterlichen Willen nicht unterordnete, bekam er häufig von ihr zu hören, dass sie seinetwegen zehn Jahre früher ins Grab müsse oder sie schrie ihn an: „Du bist der letzte Nagel zu meinem Sarg!“

Wie gesagt, die Problematik mit der Mutter, aber auch mit einer jüngeren ihn ständig wegen Nichtigkeiten verratenden Schwester konnte erkannt und verarbeitet werden. Aber ein Symptom blieb therapie-resistent. Weiterhin wachte er immer wieder frühmorgens schweißgebadet mit unerträglicher Angst auf und fühlte sich dann während das ganzen Tages höchst unwohl und leistungsunfähig.

Bisher hatte ich mit meinen Patienten vorwiegend im Sinne des Therapiekonzepts von C. G. Jung gearbeitet. Meine Erfahrungen mit der Reinkarnationstherapie waren noch gering, und ich fragte mich, ob sich die restliche Symptomatik von René vielleicht mit dem Wissen um frühere Inkarnationen und der Reinkarnations-Therapie auflösen ließ. Ich sprach mit René über diesen möglichen therapeutischen Weg, und er willigte ein.

In der dem Autogenen Training ähnlichen Tiefen-Entspannung erschien vor dem inneren Auge von René, wie in einem lebendigen Traum, ein mondbeschienener Waldweg, über den eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche dahinraste, die plötzlich ein Rad verlor und zur Seite stürzte. Auf einmal hatte René ein Gefühl, schweben zu können und die Waldszene von oben, aus der Vogelschau, zu sehen. In der Ferne sah René auf einem Berg die Silhouette einer Burg.

Als ich den entspannt und mit geschlossenen Augen vor mir liegenden Patienten nach weiteren Details der vor seinem inneren Auge ablaufenden Szenen fragte, antworte er mir auf einmal: „Das habe ich Ihnen doch schon kürzlich aufgeschrieben!“

Daran erinnerte ich mich im Augenblick nicht, aber wie sich später herausstellte, hatte René zwei Wochen vorher den Wartegg-Erzähltest  (13) gemacht, der aus drei Anfängen von Geschichten besteht, die dann nach eigener Wahl und Phantasie fortgesetzt werden sollen. René hatte den Anfang gewählt: „Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich spürte nur die Tiefe und Schwärze des Dunkels um mich her. Mir war als ...“ In dieser Geschichte tauchte genau die Szene auf, die er in der Tiefenentspannung gesehen hatte. Er schrieb damals u. a. dazu :

„Mir war, als griffe etwas Unheimliches, Dunkles nach mir. Ich wollte aufstehen und Licht machen. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelähmt vor Schreck. Die Gedanken flogen mir wirr durch den Kopf.

Was war das Fremde, das nach mir griff? War es mir feindlich gesonnen? War es mir freundlich gesonnen? Ich wollte es fragen, aber kein Laut kam über meine Lippen. Nur meine Gedanken waren noch frei.

Der Himmel klarte auf. Wolkenfetzen wurden über den Himmel gejagt. Es schien, als wolle der Mond die Wolken schnell an sich vorbeischieben, um auf die Erde schauen zu können.

Ich sah mich! Ich stand in einem Wald. Dieselben Wolken zogen über mich hinweg. Über mir durch die Tannenbäume hindurch sah ich eine riesige Burg über mir aufregen. Die Vorderseite wurde durch den Mond zeitweise in helles Licht getaucht.

„Die Burg hat etwas Bedrohliches an sich. Ich fühlte mich allein. Ein beklemmendes Gefühl griff nach mir. Ich hatte Angst, nichts als pure Angst . Auch jetzt hatte ich wieder das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich drehte mich um und rannte, so schnell ich konnte. Nur weg von hier, weg, weg. Ich weiß nicht, wie lange ich so rannte, bis ich merkte, daß die Kräfte mich verließen. Von einer Sekunde zur anderen muß mich die Kraft verlassen haben ...“

Bei der weiteren therapeutischen Arbeit berichtete René, er habe erlebt, wie er in den frühen Morgenstunden von einem in der Kutsche gefahrenen Advokaten, der ihn einmal ungerechterweise in den Kerker werfen ließ, in den frühen Morgenstunden gegen 4 Uhr mit dessen Degen erstochen worden war.

Nach diesen Rückerinnerungen, die noch weiter therapeutisch abzuklären und aufzuarbeiten waren, konnte sich René von seinen tiefsitzenden Ängsten lösen, sein Studium fortsetzen, beenden und danach als Entwicklungs-Ingenieur in einem angesehenen Unternehmen arbeiten

H. Die Reinkarnations-Therapie – eine alternative Methode?

Nach nunmehr über 45jähriger psychotherapeutischer Tätigkeit, davon über 25 Jahre mit alternativen Methoden wie Rebirthing und Reinkarnations-Therapie, habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Reinkarnationstherapie eine Methode sein kann, die ergänzend zu den sonstigen Behandlungsformen erfolgversprechend angewendet werden kann, vor allem dann, wenn therapieresistente, psychosomatische Beschwerden ohne klinischen Befund, seltsame, kuriose, schwer nachfühlbare Symptome und ihre Hintergründe mit den Patienten aufzuarbeiten sind.

Auf einer meiner Vortragsreisen in den USA hörte ich von dem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten  Brian Weiss, M. D., der sich seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ebenfalls mit der Reinkarnations-Therapie beschäftigt. In seinem besonders lesenswerten Buch „Many Lives, many Masters“ (14) beschrieb er die therapeutische Arbeit mit einer Patientin, Catherine, durch die er zu Forschungen über frühere Inkarnationen seiner Patienten angeregt wurde. Nach einem Hinweis auf seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit an Universitätskliniken und seine Veröffentlichungen von Artikeln und Büchern, womit er auf seine fachliche Qualifikation hinweisen wollte, stellte er seine Erfahrungen mit Catherine vor. Hierzu schrieb er:

For eighteen months I used conventional methods of therapy to help her overcome her symptoms. When nothing seemed to work, I tried hypnosis. In a series of trance states, Catherine recalled ‘past-life’ memories that proved to be causative factors of her symptoms … Nothing in my background had prepared me for this. I was absolutely amazed when these events unfolded.

I do not have a scientific explanation for what happened. There is far too much about the human mind that is beyond our comprehension. Perhaps, under hypnosis, Catherine was able to focus in on the part of her subconscious mind that stored actual past-life memories, or perhaps she had tapped into what the psychoanalyst Carl Jung termed the collective unconscious, the energy source that surrounds us and contains the memories of the entire human race.

Scientists are beginning to seek these answers. We, as a society, have much to gain from research into the mysteries of the mind, the soul, the continuation of life after death, and the influence of our past-life experiences on our present behaviour. Obviously, the ramifications are limitless, particularly in the fields of medicine, psychiatry, theology, and philosophy.

However, scientifically rigorous research in this area is in its infancy. Strides are being made to uncover this information, but the process is slow and is met with much resistance by scientists and lay people alike.”

(Übersetzung: 18 Monate lang wandte ich die konventionellen Therapiemethoden an, um ihr dabei zu helfen, ihre Symptome zu überwinden. Wenn nichts anderes half, versuchte ich es mit Hypnose. In einer Reihe von tranceartigen Zuständen rief Catherine Erinnerungen an frühere Inkarnationen zurück, die sich als ursächliche Hintergründe ihrer Symptome erwiesen ... In meiner wissenschaftlichen Erfahrung war ich für solche Erlebnisse nicht vorbereitet, ich war absolut erstaunt, als sich diese Erlebnisse entfalteten. Ich hatte bis dahin keine wissenschaftliche Erklärung für das, was hier ablief. Da gibt es viel zu viel Unbekanntes um den menschlichen Geist, was noch jenseits unseres Verständnisses liegt.

Vielleicht war Catherine unter Hypnose in der Lage, sich in einen Teil ihres Unbewussten hineinzufühlen, in dem Erinnerungen an frühere Leben gespeichert waren. Vielleicht tappte sie auch in etwas hinein, was der Psychotherapeut Carl Jung mit dem Kollektiven Unbewussten umschrieb, die Kraftquelle, die uns umgibt und das Gedächtnis der ganzen Menschheit beinhalten soll.

Die Wissenschaftler beginnen damit, nach Antworten zu suchen. Wir als menschliche Gesellschaft haben viel aus der Forschung in den Mysterien des Geistes, der Seele, der Fortsetzung des Lebens nach dem Tod und dem Einfluß unserer Erfahrungen in früheren Inkarnationen auf unser gegenwärtiges Verhalten zu gewinnen.

Es ist augenscheinlich, dass Nichtwissen grenzenlos ist, ganz besonders auf den Gebieten der Medizin, Psychiatrie, Theologie und Philosophie.

Jedoch bis jetzt steckt eine intensive wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet (der Reinkarnation) noch in den Kinderschuhen. Lange Schritte werden gemacht, um diese Informationen zu entdecken, aber der Prozeß ist lang und auch mit viel Widerstand sowohl bei den Wissenschaftlern als auch bei den Laien verbunden“ (Übersetzung: B. R. Ebertin).

Bei uns in den deutschsprechenden Ländern ist auf wissenschaftlicher Seite ebenfalls noch viel zu tun, um die Quellen für die Erinnerung der Menschen an ihre früheren Inkarnationen zu entdecken. Das kann aber nur geschehen, wenn vorbehaltlos, nachprüfbar, weltanschaulich neutral  untersucht wird.

I. Längst vergangene Traumata und deren Erinnerung in der Gegenwart

Im Laufe meiner vieljährigen Praxis habe ich zahlreiche Menschen kennengelernt, deren beruflichen und partnerschaftlichen Konflikte, erotisch-sexuellen Störungen, Panik-Attacken, Erstickungsanfälle, Ängste vor dem Ertrinken, der Dunkelheit, engen Räumen, großen Plätzen, Schmerzen im Bereich der Muskulatur, der Glieder, der Wirbelsäule und vieles andere mehr mit Erlebnissen in zurückliegenden Zeiten zusammenhingen.

Kämpferische Auseinandersetzungen, Krieg, Trommelfeuer, Bombennächte, Verwundungen, Amputationen, Quälereien, Kirchenstrafen, Verwünschungen, Bannflüche, Folterungen, Gefangenschaft, Einkerkerung, Verfolgungen, Katastrophen, Seuchen, Stürze, Strangulationen, Exekutionen, besonders angst- und schmerzbetonte Todeserlebnisse und alle damit zusammenhängen körperlichen und seelischen Zustände konnten Hintergründe für gegenwärtige psycho-somatische Symptome sein.

Ein Teil solcher gravierenden Erlebnisse konnte in der Gegenwart in Träumen, Vorstellungen, Phantasien, Wortwahl, Vermeidungsängsten und natürlich Symptombeschreibungen auftauchen, meist ohne als Rückerinnerung erkannt zu werden. Mehr dazu habe ich in meinem Buch „Das karmische Gedächtnis“ ausgeführt (15).

J. Denkmodelle für alternative psychotherapeutische Methoden

Bei meinen Versuchen, die Erkenntnisse der psychologischen Wissenschaft mit den Entdeckungen aus den Grenzgebieten, vor allem dem Wissen um frühere Inkarnationen, zu verbinden, entwickelte ich das Denkmodell des "Reinkarnations-Bewußtseins".

In der akademischen Psychologie kennen wir die Schichtentheorien der menschlichen Seele. Zu Ihnen gehören Sigmund Freud mit der Entdeckung des Bewusstseins und des Unbewussten (16); ferner Carl Gustav Jung mit der Untergliederung des Unbewussten in ein Persönliches und ein Kollektives Unbewusstes (17); auch Lipod Szondi ist hier zu nennen, der zwischen das Persönliche und Kollektive Unbewusste Jungs noch ein Familiäres Unbewusstes (18) einschob. Wenn es Rückerinnerungen an frühere Inkarnationen geben soll, können diese nicht an Gedächtnis und Erinnerungsfähigkeit des Gehirns gebunden sein, das ja mit dem Tode abstirbt. Es muß also so etwas wie ein immaterielles Gedächtnis geben, in dem Erinnerungen an frühere Inkarnationen gespeichert werden. Arbeitshypothetisch würde das heißen, dass die Seele, wie immer sie erklärt werden soll, mit ihrem Ablösungsprozeß vom sterbenden Körper das Gedächtnis an alles das, was jetzt und früher erlebt wurde, auf die Reise in die Transzendenz mitnimmt und dann in ein späteres Leben wieder mitbringt

Wenn es so ist, dann muß es so etwas wie ein Reinkarnations-Bewußtsein geben, das dann jedoch nicht als eine Schicht wie das Bewusstsein und die verschiedenen Bereiche des Unbewussten zu verstehen ist, sondern es muß gleichsam alle Schichten des Bewusstseins und des Unbewussten durchdringen 

Nach bisherigen Erfahrungen der Reinkarnations-Therapie fließen in das gegenwärtige Leben nicht nur Erfahrungen, Erlebnisse, Ängste, Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte, Vermeidungshaltungen zwischen unserer Geburt und dem gegenwärtigen Reifungsstand ein, sondern auch aus Zeiten, die vor der Geburt liegen. Wir zehren deshalb neben dem jetzt uns gegebenen Leben immer auch noch von dem, was aus mehreren früheren Inkarnationen und weiter zurückliegenden Zeiten noch wirksam ist.

Über die Zwischenphasen zwischen der einen und anderen Inkarnation ist bisher wenig bekannt, wenn man einmal von den sog. Totenbüchern absieht. Einer der Gründe dafür liegt darin, dass wir Therapeuten in den Vordergrund der Therapie die Behandlung des Patienten stellen und weniger Zeit für zusätzliche Forschungen erübrigen können. Und die Traumata, an denen die Patienten leiden, liegen allem Anschein nach in den verschiedenen Lebensabläufen und nicht in den Zwischenphasen der einzelnen Inkarnationen.

K. Arbeitshypothese und Therapie-Konzept?

Wer sich einmal mit der Reinkarnations-Therapie beschäftigt hat, sieht sie als eine ergänzende Behandlungsform an, wenn die üblichen Vorgehensweisen im individuellen Fall nicht mehr weiterhelfen. Unabhängig davon, ob Patient oder Therapeut davon überzeugt sind, dass es ein Fortleben der Seele nach dem Tode und Möglichkeiten wiederholter Erdenleben gibt, „funktioniert“ die Reinkarnations-Therapie, die zum Teil durchaus auch im Sinne des „Katathymen Bilderlebens“ gesehen werden kann. Es ist nicht notwendig, aus einem Therapie-Konzept auch eine bestimmte Weltanschauung abzuleiten.

L. Welche Erkrankungen können mit der Reinkarnations-Therapie behandelt werden?

Hier bietet sich ein umfangreiches Spektrum an, das wir auf die folgenden  Punkte bringen wollen:

  1. Psychosomatische Erkrankungen ohne klinischen Befund
  2. Angstneurosen und Panikstörungen
  3. Depressionen und Suizidneigungen
  4. Zwangsneurosen
  5. Psychotisch wirkende Verhaltensweisen
  6. Suchtkrankheiten

Mit dieser Aufstellung soll nicht gesagt werden, dass andere Therapieformen aussichtlos sind; vielmehr geht es darum, an alternative Methoden, die nicht unbedingt „wissenschaftlich anerkannt“ sein müssen, zu denken, wenn das sonst übliche Instrumentarium nicht ausreicht.

M. Die Widerstände

Wir wissen heute, dass nach statistischen Untersuchungen mindestens 25% der deutschen Bevölkerung davon überzeugt sind, dass mit dem Tod „nicht alles vorbei“ sein kann, also ein Fortleben der Seele nach dem Tode und frühere wie auch spätere Inkarnationen möglich ist. 

Wenn es nicht immer wieder Außenseiter gegeben hätte, die neue Wege gegangen sind, würden wir uns längst in konservativen Denk- und Verhaltensmustern bis zur Unfähigkeit verstrickt haben. „Wissenschaftlich nicht anerkannt“ heißt noch lange nicht, daß eine Behandlungsform nichtig sei, denken wir nur an die Homöopathie. Wer damit arbeitet und Erfahrungen gewonnen hat, weiß, dass homöopathische Mittel wirksam sind, auch wenn sie nicht in jedem Fall angewendet werden.

N. Eigene Erfahrungen

Über 45 Jahre psychotherapeutischer Tätigkeit in freier Praxis, davon über 25 Jahre mit der Reinkarnations-Therapie, haben mich erkennen lassen, dass diese Behandlungsform eine sinnvolle Alternative ist, wenn wir mit anderen Therapieformen zu einem Ende gekommen sind. Hinzu kommt, dass es oft wesentlich schneller als mit üblichen Methoden möglich ist, an die tatsächlichen Quellen gegenwärtiger körperlicher und/oder psychischer Erkrankungen heranzukommen und dem Patienten in einer überschauberen Zeit zu helfen.

In meinem Buch „Das karmische Gedächtnis – Reinkarnation und neues Bewusstsein“ (19) war ich bestrebt, eine Brücke zu bauen zwischen den etablierten wissenschaftlichen Sichtweisen und alternativen Denk- und Behandlungsformen. An über einem Dutzend Praxisfällen wird darin gezeigt, wie die gegenwärtige Lebens- und Krankengeschichte deutliche Hinweise auf Traumata in früheren Inkarnationen gegeben kann, und wie sie erkannt und aufgelöst werden können. 

In einem zweiten Buch mit dem Titel „Wenn die Seele den Körper nicht gesunden lässt“ (20) wird auf weitere Hintergründe für psychosomatische Erkrankungen eingegangen. Das können Verwünschungen und Flüche sein bis hin zu den Einwirkungen Verstorbener auf die Hinterbliebenen.

O. Zusammenfassung

Wenn wir es mit unseren Patienten und deren Symptomatik ernst meinen, werden wir nicht darum herumkommen, da und dort auch alternative Methoden anzuwenden. Schließlich ist es der Patient, der gleichsam das für ihn passende Rezept und die auf ihn zugeschnittene Therapie erwarten kann und nicht umgekehrt, dass sich der Patient der Therapie beugen muß.

Haben wir also den Mut, über die bisherigen gängigen Methoden auch Neuland für Forschung und Praxis zu entdecken.

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Literatur:

  1. Morningstar, J., Discovering your own Rebirthing. Journal for Rebirthing, Vol. 9, Nr. 3, May/June 1997. (zit. nach Artikel im Internet).Gross, W., Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Ergebnisse und Folgerungen der pränatalen Psychologie. Freiburg/Br. 1982.
  2. Verny, Th., und Kelly, J., Das unbekannte Seelenleben des Ungeborenen.Ullstein TB.
  3. Coudris, M. D., Ich kann sprechen. Die erstaunlichen Botschaften eines Ungeborenen. Goldmann TB Nr. 6890, München 1985.
  4. Wiesendanger, H., Zurück in frühere Leben. Möglichkeiten der Reinkarnations-Therapie. München 1991.
  5. Dethlefsen, Th., Das Leben nach dem Leben. Gespräche mit Wiedergeborenen. München 1974.
  6. Dethlefsen, Th., Das Erlebnis der Wiedergeburt. Heilung durch Reinkarnation. München 1976.
  7. Stevenson, I., Reinkarnation. Der Mensch im Wandel von Tod und Wiedergeburt. 20 überzeugende und wissenschaftlich bewiesene Fälle.
  8. Netherton, M. und Shiffrin, N., Bericht vom Leben vor dem Leben. Reinkarnations-Therapie. Bern/München 1979.
  9. Moody, R. A., Life after Life. Atlanta 1975.
  10. Fiore, E., The unquiet Dead – A psychologist treats spirit possession. S. A., New York 1988.
  11. Ebertin, B. R., Das karmische Gedächtnis – Reinkarnation und neues Bewußtsein.
  12. Der Wartegg-Erzähltest ist leider in Vergessenheit geraten, und es gibt keine neue Literatur über ihn. Bekannter wurde der Wartegg-Zeichentest. Vgl. dazu Renner, M., Der Wartegg-Zeichentest im Dienste der Erziehungsberatung. München 1953.
  13. Weiss, Br., Many Lives, many Masters. New York 1988.
  14. Ebertin, a.a.O., Kap. Beispiele für Reinkarnations-Erinnerungen, S. 83ff.Freud, S., Die Traumdeutung. Fischer TB Nr. 6344, Frankfurt/M.
  15. Jung, C. G., Die Beziehungen zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten. Szondi, L., Schicksalsanalyse, 2.A., Basel 1948.
  16. Ebertin, B. R., Das karmische Gedächtnis, a.a.O.E bertin, B. R., Wenn die Seele den Körper nicht gesunden lässt, 5. A., Bad Wildbad 2002.
 
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